Oberrabnitz

Geschichte

Einrichtungen

In der feudalen Zeit hatten die Grundherrschaften zur Beaufsichtigung ihrer Waldflächen, die sie in Reviere einteilten, Waldförster bzw. Waldheger angestellt. Nicht jeder Waldförster hatte zwingend ein Quartier in seinem Revier zur Verfügung.

Im Mai 1801 übermittelt das Forstamt Eisenstadt einen Bericht an die Wirtschaftsdirektion. Darin wird hingewiesen, dass bereits schon früher angeregt worden sei, für Forstbedienstete nach Möglichkeit herrschaftliche Quartiere bereitzustellen. Diese Notwendigkeit sei jedoch offenbar nicht ernsthaft berücksichtigt worden. Denn selbst dort, wo solche Quartiere vorhanden seien, würden weiterhin fremde Personen bevorzugt untergebracht, während die Forstleute gezwungen seien, mit dem geringen, von der Herrschaft gewährten Quartiergeld in einfachen Bauernwohnungen zu leben. Dadurch sei der Heger gezwungen, seinem Unterkunft Geber gegenüber nachsichtig zu sein, wodurch sich dieser, zum Nachteil der Herrschaft, mitunter auch mehr erlauben konnte. [1]

Um diese Nachteile zu vermeiden, die durch die Unterbringung der Forstleute in Bauernwohnungen entstanden, verlangte Nikolaus Fürst Esterhazy von seiner Wirtschaftsdirektion entsprechenden Vorschläge auszuarbeiten, die zur Verbesserung der Situation führen sollten. [2]

Bau eines Hegerhauses im Jahr 1802

Am 6. Dezember 1801 legte das Waldamt Eisenstadt fest, dass im Jahr 1802 im Ort Oberrabnitz, Herrschaft Lackenbach, mit dem Bau einer Wohnung für Forstleute begonnen werden soll. Die notwendigen Pläne und Kostenüberschläge seien mit Zustimmung des zuständigen Waldbereiters einzureichen. [3]

Der Kostenüberschlag des Maurermeisters Peter Strantz belief sich auf 171 Gulden und 36 Kreuzer, jener des Zimmermeisters Paul Bleyer auf 152 Gulden und 53 Kreuzer. [4]

Nachdem der Waldmeister den Verwalter der Herrschaft Lackenbach auf das geplante und bereits beschlossene Hegerquartier in Oberrabnitz angesprochen hatte und darauf hinwies, dass der Zeitpunkt für den Baubeginn nun günstig sei, erklärte der Verwalter, er habe von der löblichen Wirtschaftsdirektion den Auftrag erhalten, dem betreffenden Heger in Unterrabnitz im dortigen Kastell eine Unterkunft herzurichten. Aus diesem Grund könne er mit den Bauarbeiten in Oberrabnitz nicht beginnen, solange ihm von der Wirtschaftsdirektion kein neuer Befehl erteilt werde.

Da die Station in Oberrabnitz von großer Bedeutung war – sowohl im Interesse der Herrschaft Lackenbach als auch im Hinblick auf den Holzexport aus der Herrschaft Lockenhaus –, war auch zu berücksichtigen, dass der Hauptpass zwischen beiden Herrschaften durch die Tätigkeit eines eigenen Hegers in Oberrabnitz vollständig gesperrt wäre. Sollte der Heger jedoch nach Unterrabnitz versetzt werden, wäre dies für die hohe Herrschaft höchst nachteilig, da der Hauptpass dadurch wieder geöffnet würde.

Oberrabnitz benötigt daher dringend einen eigenen Heger, da das Revier groß und besonders kontrollintensiv ist. Eine Verlegung nach Unterrabnitz wäre unpraktisch und ineffizient. Es wird daher ersucht, von dem am 30. des Monats erlassenen Antrag, den Oberrabnitzer Heger im Kastell von Unterrabnitz einzuquartieren, Abstand zu nehmen.

Demgemäß sind im Einvernehmen mit Herrn Baumeister Ringer die erforderlichen Maßnahmen zum Bau des eingangs erwähnten Quartiers zu veranlassen. [5]

Aus diesen Gründen zeigt der Unterzeichnende dem Waldamt hiermit gehorsamstes an, dass mit dem Bau des Quartiers in Oberrabnitz so bald wie möglich begonnen werden möge, damit der stark beanspruchte Mann endlich eine eigene Unterkunft erhält. [6]

Abb. 1: Im Jahr 1802 neu erbautes Hegerhaus; Quelle: EPA, DD 1802 / 4480

Die Stelle des Försters / Hegers

Der Försterdienst war mit hoher Verantwortung betraut. Er hatte die größtmögliche Aufsicht über die Waldungen zu führen, damit daraus nichts entfremdet wurde. Welches Holz auch immer – es durfte ohne hohe Genehmigung nicht verabfolgt werden. Das Geschöll, die Knoppern und das Holzobst durften weder heimlich abgeschlagen noch aufgeklaubt werden, sondern nur nach Verordnung des Amtes zum Nutzen verwendet werden.

Auf das Wild war äußerste Acht zu geben, damit es sich jederzeit in gutem Zustand befand, und es durfte ohne Erlaubnis weder geschossen noch gefangen werden. Es war stets ordnungsgemäß mit Wasser und Futter zu versorgen. Mit dem Futter war so umzugehen, dass nichts verdorben, verschwendet oder gar entfremdet wurde.

Alles, was der hohen Herrschaft zum Nutzen gemacht werden konnte, war mit allen Kräften zu fördern, hingegen jeder Schaden ebenso abzuwenden. [7]

Aufgrund dieser hohen Verantwortung legte das Forstamt besonderes Augenmerk auf die jeweiligen Försterstellen in den Dörfern. Dabei war es wichtig, dass der Förster – unabhängig davon, ob es sich um einen Ober- oder Unterförster, Jäger- oder Bauerförster handelte – kein Nahe- oder Freundschaftsverhältnis zu den Untertanen im Dorf aufbaute. Bereits beim geringsten Verdacht wurde er für die nächst sich ergebende Gelegenheit zur „Translocirung“ [Versetzung] vorgemerkt.

Schied ein Förster alters- oder krankheitsbedingt aus, wurde dies meist als Anlass genutzt, um einen Wechsel zu veranlassen, der oftmals gleich mehrere Dörfer betraf. So wurde beispielsweise 1805 nach dem Tod des Trausdorfer Fasangartenhegers Thomas Hagen dessen Stelle mit dem Siegendorfer Heger Franz Miklitsch besetzt. Nach Siegendorf kam der Tschurndorfer Johann Pinter, nach Tschurndorf der Frauenhaider Johann David, nach Frauenhaid der Piringsdorfer Andreas Trittremmel, nach Piringsdorf der Oberrabnitzer Johann Stocker und nach Oberrabnitz der Landseer Lorenz Pauer.

Neben der Aufsichtsfunktion gab es durchwegs unterschiedliche Anforderungen an den Förster. Sollte aus dem Revier das Wildbret bereitgestellt werden, war ein Jägerförster gefragt, der ein guter Schütze war. Ein Bauernförster hingegen, dem man mehr handwerkliches Geschick zumuten konnte, wurde auf Stationen eingesetzt, an denen ständig Reparaturen anfielen. Dadurch konnten auch Kosten eingespart werden.

Auszüge aus den Amtsberichten über die Besetzung bzw. Versetzung des Forstpersonals und deren Beweggründe sowie deren Auswirkungen auf das Dorf Oberrabnitz:

1801 – In einem Gutachten über die künftige Besetzung der Forstdienste in der Lackenbacher Waldbereitung vertrat die Wirtschaftsdirektion die Ansicht, dass der Oberrabnitzer Heger Johann Stocker an seiner Stelle belassen werden sollte. [8]

1808 – Der Oberrabnitzer Heger Lorenz Pauer wurde nach Frauenhaid [Unterfrauenhaid] versetzt, und die Stelle in Oberrabnitz wurde mit dem Waldbereiter Albert Dauer besetzt. [9]

1818 – Dem Oberrabnitzer Unterförster Albert Dauer wurde die Versetzung angedroht, nachdem er verdächtigt worden war, sich mit dem Einverständnis eines ortsansässigen Untertanen auf dessen Grund Erdäpfel angebaut zu haben. [10]

1820 wurde der Unterförster Albert Dauer nach Unterpetersdorf versetzt, um ihn – wie es im Bericht des Forstamtes Eisenstadt hieß – „von den hierortigen Bekanntschaften zu entfernen“. Ihm folgte der 35-jährige Grenadier Johann Mikschitz, der nach 17 Dienstjahren bei der Fürstlichen Garde-Compagnie entlassen werden wollte. [11]

1830 wurde in einem Forstamtsbericht festgehalten, dass sich Oberrabnitzer Untertanen, die zum größten Teil Holzhändler und Kohlenbrenner waren, bei der Holzbringung nicht immer rechtens verhielten:

„weil wenn sie durch den Förster Landler auch gleich auf der That ertappt werden, sich mit einer Gränz-Bollette [Einfuhrzollschein] ausweisen und behaupten, das Holz von Österreich hereingeführt zu haben.“

Dem Förster konnte zwar kein Naheverhältnis zu den Untertanen zur Last gelegt werden, allerdings „sey er als ein kurzsichtiger, leicht zu hintergehender Mensch für seinen dermahligen Posten nicht geeignet“ und wurde daraufhin mit dem Geresdorfer Bauernförster Paul Stocker ausgetauscht. [12]

Aus zeitgenössischen Berichten geht jedenfalls hervor, dass die Untertanen einen regen Holzhandel betrieben haben. Das Holz, das zum Großteil aus dem „Gebürge von Österreich“ eingeführt wurde, bereiteten die Bauern vor allem zu Bauholz für Dachstühle auf. Das Absatzgebiet dürfte sich vorwiegend auf den Raum um den Neusiedler See erstreckt haben. Dass es dabei auch einzelne „schwarze Schafe“ gab, die es mit den bestehenden Vorschriften nicht immer genau nahmen, lässt sich ebenfalls den Berichten entnehmen.

Im Frühjahr 1841 wurden vom Forstamt Eisenstadt zwei Förster für eine sich bei nächster Gelegenheit ergebende Versetzung vorgemerkt.

Der eine war der Szakála-Huttan-Jägerförster Carl Haban, der aufgrund einer Lungenerkrankung auf eine weniger beschwerliche Station versetzt werden sollte. Der andere war der Mambijourer Unterförster Georg Pinter, der um die Versetzung auf eine ihm angemessenere Stelle ersuchte. Das Forstamt zeigte Verständnis für seine Beschwerde und kam zu der Erkenntnis, dass diese Station nicht für einen Jägerförster, sondern eher für einen Bauernförster geeignet sei. Dort gab es ständig Reparaturarbeiten, die teils mit barem Geld und teils in Robot erledigt werden mussten und für die Herrschaft daher eine bedeutende Auslage verursachten. Einem Bauernförster, dem man mehr handwerkliches Geschick zumuten durfte, war es möglich, vieles selbst zu erledigen – man hatte ihm lediglich Werkzeug und Material zur Verfügung gestellt – und er war daher für diese Stelle besser geeignet. [13]

Aber auch der Oberrabnitzer Förster war zu diesem Zeitpunkt bereits für eine Versetzung vorgemerkt. Im April 1841 wurde in einem Schreiben des Forstamtes Eisenstadt an die löbliche Domainen-Direction darauf hingewiesen, dass der Oberrabnitzer Förster Mathias Witschke bereits durch die Heirat seines Bruders mit einer Oberrabnitzerin in einem normalwidrigen Verwandtschaftsverhältnis zu den Oberrabnitzer Insassen stehe. Durch sein Ansuchen, selbst eine Oberrabnitzerin, nämlich Rosalia Weber, zu heiraten, würde dieses Verhältnis noch weiter verstärkt werden. Daher sei die Heirat erst dann zu genehmigen, wenn sich die Gelegenheit ergebe, ihn ohne Nachteil seines Dienstes auf eine andere Station zu versetzen. [14]

Im Mai 1841 wurde schließlich die Anweisung zur Versetzung erteilt: Der Esterházer Förster Carl Thal sollte quartalis nach Lelling versetzt werden, der Mambijourer Förster Georg Pinter jedoch nach Esterház. Der Oberrabnitzer Bauernförster Mathias Witschke sollte auf die Mambijourer Station wechseln, der kranke Szakála-Huttan-Jägerförster Carl Haban nach Oberrabnitz versetzt werden. Der Föllicker Jagdadjunkt Johann Eöry sollte die Szakála-Huttan-Försterstation übernehmen, und der zu Lelling als Jagdadjunkt bestehende Ladislaus Skalay sollte als Jagdadjunkt nach Föllick versetzt werden. [15]

Bereits im September sah man sich erneut veranlasst, auf der Oberrabnitzer Station einzugreifen, da die Oberrabnitzer Jägerförsterstation nicht nur ein vollkommen gesundes, sondern auch ein rüstiges Individuum benötige. Der derzeitige Jägerförster Carl Haban war jedoch von seinem Brustdefekt noch immer nicht vollständig geheilt. Daher wurde beschlossen, ihn auf die weniger beschwerliche Neutaler Station zu versetzen und den Trausdorfer Jagdadjutanten Mathias Gampl nach Oberrabnitz zu übersetzen. [16]

Im Jahr 1842 wurde im Müllendorfer Jagdgehege der Herrschaft Hornstein ein Untertan vom dortigen Jägerförster Anton Hunka misshandelt. Daraufhin fasste man den Entschluss, den besagten Förster in eine andere Herrschaft zu versetzen.

Es wurde daher entschieden, Anton Hunka nach Unterrabnitz in die Herrschaft Lockenhaus zu versetzen, den Unterrabnitzer Jägerförster Joseph Zins nach Oberrabnitz und den Oberrabnitzer Jägerförster Mathias Gampl nach Müllendorf zu übersetzen. Dem Lockenhauser Waldamt wurde dabei der Auftrag erteilt, auf den genannten Förster ein besonders wachsames Auge zu richten. [17]

Im Jänner 1857 wandte sich das Forstamt Eisenstadt an die löbliche Domainen-Direktion mit der Bitte, die als etwas überzogen empfundene Strafe der Entlassung aus dem herrschaftlichen Dienst gegen den Lackenbacher Oberförster Emmerich Tóth und den Ritzinger Unterförster Paul Keszler gnädigst aufzuheben und deren Wiedereinstellung derart zu bewilligen, dass jeder von ihnen in eine andere Herrschaft versetzt werde.

Vorgesehen war, den Oberförster Emmerich Tóth in die Herrschaft Lockenhaus nach Glashütten zu versetzen und den dortigen Oberförster Gregor Zeiner nach Lackenbach. Nach Ritzing sollte der Oberrabnitzer Unterförster Josef Zins versetzt werden, an dessen Stelle der Tschurndorfer Heger Josef Dauer (Sohn von Albert Dauer) kommen. Nach Tschurndorf wiederum sollte der Großwarasdorfer Unterförster Josef Huber aus der Herrschaft Güns versetzt werden, während an dessen Stelle der bisherige Ritzinger Unterförster Paul Keszler treten sollte. [18]

Neubau des Hegerhauses im Jahr 1893

Neubau im Jahr 1893 – wurde der Waldpachtung käuflich überlassen.

Abb. 2: Im Jahr 1893 neu erbautes Hegerhaus; Quelle: EPA, BP 2104b-d

Das Haus wurde noch von den Förstern Daurer, Schwetz und Deszö dienstlich genutzt.

Mitte des 20. Jh. wurde das Haus auch als Unterkunft für Häuselbauer verwendet. Im 1948 durch die Familie Brandl, die das Haus Nr. 83 erbauten. Sie führten dort bereits die Sammelstelle für Eierschwammerl und Pilze. Danach die Familie Moser, die das Haus Nr. 86 erbaut hatten und in der örtlichen Ziegelbrennerei tätig waren.

Um 2001 wurde das Grundstück von der Gemeinde als Hausplatz verkauft. [19]

Gemeindehaus – Haus Nr. 47

Halterhäusl

Im Urbarium von 1640 werden in Oberrabnitz zwei Halterhäusl erwähnt. Diese dienten als Wohnung für die Halter mit ihren Familien, die das Vieh der Untertanen in Aufsicht hatten. In Oberrabnitz war es die Familie Schrammel die über Generationen hinweg diesen Dienst ausübte. Um das Jahr 1865 gründeten Anton Schrammel und Catharina Pfeifer das Haus Nr. 40 im Fuchsgraben (heute: Berggasse), wo sie anschließend vom Halterhäusl dorthin übersiedelten. Der letzte Angehörige der Familie Schrammel verließ, durch Heirat, Oberrabnitz im Jahr 1982– das Haus wurde daraufhin verkauft.

Mitte des 19. Jahrhunderts mietete sich auch immer wieder zeitweise Söllner mit ihren Familien ein um dort ihr Handwerk auszuüben. [20]

Stierstall

Das Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ galt auch schon immer in der Rinderzucht. Man konnte von schlechten Elterntieren keine gute Nachzucht erwarten. Der Standpunkt einer Gemeinde, dass es gleichgültig sei, welche Abstammung ein Stier hat, die Hauptsache sei, dass er Kälber erzeugt, war völlig unrichtig.

Im diesem Gemeindehaus mit Hausnummer 47 wurde in den Stallungen auch der Gemeindestier untergebracht und von einem örtlichen Stierwärter betreut. Anfang der 1970iger Jahre wurde der Gemeindestier durch eine moderner Besamungsstätte ersetzt.

Die künstliche Besamung wurde in erster Linie zur Bekämpfung der  Deckkrankheiten eingeführt, die in den Nachkriegsjahren stark überhandnahmen. Dadurch wurde jede weitere Ansteckung vermieden und es konnten die erkrankten Bestände allmählich ausgeheilt werden. Andererseits konnten vielfach sogar mehr Kühe trächtig werden als beim natürlichen Belegen. Da die Stiere auch besser ausgenutzt werden konnten, verursachte die künstliche Besamung für die Gemeinden meistens geringere Kosten als die natürliche Stierhaltung.

Nach dem in den folgenden Jahren die Hornviehhaltung im Dorf stark rückläufig war, wurde auch diese künstliche Besamung bald eingestellt.

Stierbetreuer, die auch im Haus wohnten: Stefan Schütz – bis er um 1935 das Haus Nr. 82 erbaute; Brandl Josef – bis er das Haus Nr. 84 erbaute (1953 Hausplatz erworben); Thaddäus Soltis (Ungar) – wollte 1958 einen Bauplatz von der Kirche erwerben;

Als Stierbetreuer waren noch angestellt: Franz Puhr; Pfneisl Josef Haus Nr. 50; Liebentritt Josef Haus Nr. 31; Fraller Josef Haus Nr. 15; [21]

Schulklasse

Aufgrund der steigenden Schülerzahl wurde von der Gemeinde für das Schuljahr 1963/64 in der Wohneinheit des Gemeindehauses ein zweites Klassenzimmer eingerichtet. Dazu war es notwendig straßenseitig ein Eingang zu machen wo dann im vorderen Zimmer die II. Klasse, bestehend aus den Schulstufen 4 bis 8, untergebracht wurde. Unterrichtet wurde sie von Herbert Leitner.

Die Kritik, die an den unzureichenden räumlichen Verhältnissen nicht verstummte, führte letztendlich dazu, dass man die Räumlichkeit wieder aufgab. [22]

Ausweichquartier

Nach der Schulklasse bis Mitte 1970iger Jahre, wurden die Räumlichkeiten immer wieder als Ausweichquartier von den örtlichen Häuselbauern genutzt.

Moser Johann Haus Nr. 86; Bleier Otto Haus Nr. 50; [23]

Jugendraum

Anfang der 1980er Jahre wurde das ehemalige Wohngebäude von der örtlichen Jugend adaptiert und als Aufenthaltsraum genutzt.

Mitte der 1990er Jahre wurde das Gebäude schließlich zum Abbruch freigegeben. [24]

"Judenhaus" – Haus Nr. 27

Das Bauernhaus entstand im Jahr 1766 durch Halbierung des Nachbarhauses. Das Haus stand damals, so wie auch einige andere Häuser im Dorf, im Besitz des Barons Inkey mit Sitz im Kastell Unterrabnitz und wurde dann 1793 von der Familie Esterházy käuflich erworben.

Das Schicksal der Bauernfamilie Senft

Um 1820 lebte in diesem Bauernhaus die Familie Florian und Maria Senft. Maria Senft war eine geborene Seidl und stammte aus dem Haus Nr. 12. 1824 heiratete der im Haus verbliebene Sohn Ignatius Senft die 23-jährige Anna Stelzmayer von Haus Nr. 11, mit der er gemeinsam den Hof seiner Eltern weiterführte. Dieser Ehe entstammten zwei Kinder, die aber beide im Kindesalter starben. 1832 starben seine Frau Anna sowie seine Eltern Florian und Maria Senft an der Cholera. Der alleine zurückgebliebene Ignatius Senft heiratete 1833 in zweiter Ehe Rosalia Arthofer von Haus Nr. 59. Dieser Ehe entstammten weitere vier Kinder, von denen wiederum drei vor dem Erreichen des Erwachsenenalters starben. Die einzige überlebende Tochter Ludovica Senft verheiratete sich mit Johann Liebentritt und zog zu ihm in das Haus Nr. 30.

Ignatius Senft starb 1886 im Alter von 85 Jahren. Nachdem seine zweite Frau Rosalia bereits 1881 verstorben war, wurde das Haus mit sämtlichen dazugehörigen Grundstücken im Jahr 1888 an die alleinigen Erben, Tochter Ludovica und Schwiegersohn Johann Liebentritt, grundbücherlich übertragen.

1897 erbte ihr jüngster Sohn, der 19-jährige Josef Liebentritt das Haus mit sämtlichen dazugehörigen Grundstücken. Nachdem sich dieser im Jahr 1903 mit Katalin Gmeiner verheiratete und mit ihr deren elterlichen Hof (Nr. 31) übernehmen musste, wurde das Bauernhaus Nr. 27 zu einer finanziellen Belastung.[25]

Das Schicksal der jüdischen Kaufmannsfamilie Holzer

Abb. 3: Gemischtwarenhandlung Holzer Haus Nr. 27; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

1903 kaufte der aus Karl stammende jüdische Lebensmittelhändler Samuel (Salomon) Holzer mit seiner Frau Johanna geborene Blum aus Unterfrauenhaid, die ebenfalls aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, das Haus Nr. 27 und gründete einen Gemischtwarenhandel. Die beiden führten diesen gemeinsam. Sie hatten mehrere Kinder, [26] wobei zwei davon im Kindesalter starben, und die anderen die Volksschule in Oberrabnitz besuchten.

Die Familie war im Dorf gut integriert, wie es uns der damalige Schullehrer übermittelt, der gegenüber dem Geschäft in der Schule wohnte und die Familie gut kannte. 1934 starb Samuel Holzer im Alter von 71 Jahren an einem Schlaganfall und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kobersdorf begraben. [27] Seine Frau Johanna führte danach gemeinsam mit ihrem Sohn Eugen Holzer den Gemischtwarenhandel weiter.

Der jüdische Greisler

Der bereits erwähnte Dorfschullehrer widmet in seinen Erinnerungen ein ganzes Kapitel dem „alten Samuel“. [28] Seinen Aufzeichnungen ist Folgendes zu entnehmen:

Gegenüber der Schule befand sich das Geschäft des jüdischen Greislers Samuel, den die älteren Dorfbewohner, die mit ihm aufgewachsen waren, „Sami“ nannten. Er wird als älterer, stämmiger Mann mit schlohweißem Haar beschrieben. Samuel nahm mit seiner großen Familie eine bedeutende Stellung im geschäftlichen Leben des Dorfes und der näheren Umgebung ein. Als strenggläubiger Jude hielt er sich gewissenhaft an die jüdischen Gesetze und genoss auch bei seinen Glaubensgenossen hohes Ansehen.

In der Dorfgemeinschaft war Samuel wegen seiner Redlichkeit und Hilfsbereitschaft geschätzt. Geriet etwa ein Bauer in Not, weil er durch ein Unglück eine Kuh verloren hatte und dadurch Milch und Zugkraft fehlten, half Samuel mit einem Darlehen „zu ‚christlichen‘ Bedingungen“ für den Ankauf eines neuen Tieres. [29] Daneben besaß er sogenannte „Loskühe“ (Leihkühe), die er weniger begüterten Dorfbewohnern, den Häuslern und Huldnern, überließ. Der Viehhalter versorgte die Kuh und konnte ihre Milch, ihre Zugkraft und den anfallenden Dünger nutzen. Brachte die Kuh ein Kalb zur Welt, teilten sich Samuel und der Viehhalter den Erlös. Die Kuh selbst blieb Samuels Eigentum.

Eine Besonderheit des Geschäftslebens war der „Schabes“ (jiddischer Audruck für den jüdischen Ruhetag „Schabbat“). Von Freitagabend bis Samstagabend blieb das Geschäft grundsätzlich geschlossen. Eine Ausnahme bildete die Abgabe von Tabakwaren, die aufgrund des staatlichen Tabakmonopols auch am Samstag möglich sein musste. Die Kunden betraten das Haus von der Rückseite und fanden in der Küche auf einem großen Tisch Zigarren, Zigaretten und Pfeifentabak nach Art und Preisklasse geordnet vor. Sie bedienten sich selbst und legten den entsprechenden Geldbetrag in eine bereitgestellte Schachtel, da Samuel am Schabbes aus religiösen Gründen kein Geld anfassen durfte.

Auch andere religiöse Vorschriften prägten seinen Alltag. Bestimmte Tätigkeiten wie Schneiden, Reißen oder das Entzünden eines Feuers vermied er am Schabbes. Dabei halfen ihm mitunter die Nachbarn, die ihm die Pfeife anzündeten, einen Brief öffneten, die Lampe entzündeten oder im Zimmerofen Feuer machten.

Wenn am Samstagabend der erste Stern erschien, war der Schabbes zu Ende. Der Balken vor dem Geschäft wurde hochgezogen und sogleich setzte wieder reger Betrieb ein. Da am folgenden Tag Sonntag war, nutzten viele Dorfbewohner die Gelegenheit, noch ihre Einkäufe zu erledigen.

Trotz seiner strengen Befolgung der jüdischen Glaubensvorschriften achtete Samuel auch die religiösen Bräuche der überwiegend christlichen Dorfbevölkerung. Als Zeichen dieses respektvollen Zusammenlebens stellte er am Fronleichnamstag, wenn die Sakramentsprozession durch das Dorf zog, brennende Kerzen in seine Fenster. Die Erinnerungen an Samuel vermitteln damit nicht nur ein Bild des damaligen dörflichen Geschäftslebens, sondern geben auch Einblick in das Zusammenleben der jüdischen und christlichen Bevölkerung.

„Enteignung und zwangsweise Verwertung jüdischen Besitzes nach dem ‚Anschluss‘ 1938“

In März 1938 wurden unter dem Begriff „Arisierung“ (Enteignung der in der NS-Zeit als „jüdisch“ definierten Menschen) „jüdische“ Geschäfte und Betriebe von kommissarischen Verwaltern übernommen oder aufgelöst. Die rechtmäßigen Eigentümer durften über ihr Eigentum nicht mehr frei verfügen. Die Einnahmen mussten an den kommissarischen Leiter, der den Betrieb bis zur offiziellen „Arisierung“ leitete, abgeliefert werden.

Dies war nur eine der nach dem sog. „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 einsetzenden zahlreichen diskriminierenden Maßnahmen, welche auch die Familie Holzer derart unter Druck setzten, sodass sie bald darauf gezwungen war, alles hinter sich zu lassen und aus dem Dorf nach Wien zu flüchten. In einem Vermögensverzeichnis wurde das Grundvermögen der Witwe Johanna Holzer in Oberrabnitz mit dem Geschäftshaus Haus Nr. 27 und einem ½ Joch großen Acker in der Ried Ortgraben angegeben. [30]

Geschäftshaus Haus Nr. 27:

Der Geschäftsbetrieb wurde im Mai 1938 von der Ortsleitung der NSDAP übernommen, die hierfür einen Kommissarischen Leiter einsetzte. Der Kommissarische Leiter, der selbst aus dem Ort stammte, zeigte großes Interesse, das Geschäft selbst zu erwerben. [31]

IIm Juli 1938 stellt der Interessent ein Ansuchen um die „Genehmigung der Erwerbung“ an die Vermögensverkehrsstelle (VVSt) in Wien. [32]

Der Leiter der VVSt im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit beantragte aber, nach Einholung eines Gutachtens seitens der Kreisbauernschaft, die Liquidierung der Firma Holzer. [33]  In der Stellungnahme hieß es: „Die Kreisbauernschaft Oberpullendorf teilt mit, dass sich im Orte Oberrabnitz (Einwohner 378) bereits ein Gemischtwarengeschäft befindet, das für den Bedarf der Bevölkerung völlig genügt. Infolge des niederen Umsatzes, erachtet der Ausschuss den Betrieb Holzer nicht für lebensfähig und schlägt die Liquidierung desselben vor. [34]

Im Oktober 1938 wurde daraufhin ein Ansuchen um die „Genehmigung einer Veräußerung“ gestellt. Darin hieß es, dass es für den Gemischtwarenhandel der mittlerweile in Wien lebenden Witwe Johanna Holzer, „Jude 1. Grades,“ einen Kaufwerber gäbe, zu dem sie in keinem Verwandtschafts- oder Abhängigkeitsverhältnis stehe. Der Name des Betriebes lautete: „Samuel Holzer Witwe, Oberrabnitz, Niederdonau.“ [35]

Zur selben Zeit wurde zum zweiten Mal vom Interessenten ein Ansuchen um die „Genehmigung der Erwerbung“ an die VVSt Wien eingebracht. [36]

In einem noch im Oktober 1938 ausgestellten Prüfbericht hieß es, dass der Interessent mit 2. Mai 1938 das Geschäft von Johanna Holzer als Kommissarischer Leiter übernommen hatte. [37] „Zu den Außenständen wird festgehalten, daß Post für Post bezüglich ihrer Einbringlichkeit untersucht wurde. Die buchmäßigen Ausstände sind wohl sehr hoch, es mußten aber rund 2/3 abgeschrieben werden, da sich der Prüfer von der Uneinbringlichkeit überzeugen konnte. […] Es hat sich aber gezeigt, dass Außenstände bis zu 7–8 Jahre zurück liegen. Die Schuldner berufen sich größtenteils auf Verjährung.“ [38] Der Interessent konnte jedoch nachweisen, „daß unter dem Einfluss der [NS-]Ortsgruppe Ober-Rabnitz und der Ortsbauernschaft Ober-Rabnitz Schuldner die Forderungen nicht bezahlen“. [39]

Der Prüfer hielt wiederum fest, dass er dem Akt der VVSt entnehmen konnte, „daß bezüglich der Realität, in welcher das Geschäft betrieben wird, ein Ansuchen der Gemeinde Ober-Rabnitz um Überlassung (nicht Kauf) vorliegt. Die Gemeinde Ober-Rabnitz wurde seitens der VVSt dahin informiert, daß eine Übereignung nicht in Frage kommt, sondern diese einen Kaufantrag einzureichen hätte. Es ist dem Prüfer nicht bekannt, ob ein diesbezüglicher Antrag eingebracht wurde.“ [40] Er gab jedoch zu bedenken, dass die Gemeinde Oberrabnitz bereits über Gebäude verfügen würde und verwies darauf, dass der Interessent seinerzeit seinen Kaufantrag zurückgezogen habe, weil er es sich mit der Gemeindeverwaltung nicht verscherzen wollte. Sollte die Gemeinde jedoch kein Interesse mehr an dem Haus zeigen, so würde der Interessent einen neuerlichen Kaufantrag stellen. [41] Der Gutachter endet mit den Worten:

„Sollte wider Erwarten die Realität der Gemeinde doch übereignet werden, so könnte dies nur mit der Einschränkung erfolgen, daß die derzeit von [dem Interessenten] benützten Räume auf die Dauer mehrerer Jahre nicht gekündigt werden können. Die beste Lösung wäre naturgemäß der Erwerb der Realität durch [den Interessenten].“ [42]

Im Jänner 1939 beantragte die Kreisleitung der NSDAP in Oberpullendorf die „Arisierung“ des Geschäftes von Johanna Holzer durch den Interessenten. [43]

Die Kaufmannschaft Niederdonau Gremium Mattersburg bestätigte daraufhin die wirtschaftliche Notwendigkeit der „Arisierung“ der Firma und betonte, dass der Interessent ihrer Meinung nach „befähigt [sei], dieses Unternehmen zu erwerben und weiterzuführen“. [44]

Im Dezember 1938 bestätigte der Interessent, „die Genehmigung im Sinne der Kundmachung des Reichsstatthalters in Österreich […] zur käuflichen Übernahme der Firma Johanna Holzer […] erhalten zu haben.“ [45]

In einem Gedächtnisprotokoll der Kreisleitung Oberpullendorf vom Jänner 1939 wurde vermerkt, dass der Interessent „sämtliche Aktiven und Passiven, sowie Warenlager der Fa. Johanna Holzer in Oberrabnitz, um den Kaufpreis von RM. 698.75“ übernehmen und kaufen werde. [46]

Bezüglich der „Entjudung der Firma Johanna Holzer“ wurde dem neuen Eigentümer im Jahr 1940 eine „Entjudungsauflage“ vorgeschrieben. [47]

Ein Aktenvermerk vom März 1941 hält schließlich fest: „Die der Jüdin Johanna Sara Holzer gehörige Gemischtwarenhandlung in Oberrabnitz wurde mit Bescheid der vormaligen Vermögensverkehrsstelle Wien vom Dezember 1938 an [den Interessenten] veräußert. Mit Bescheid vom 27. Mai 1940 […] wurde[n] der Kaufpreis und die Entjudungsauflage festgesetzt. Der Akt ist erledigt und wäre in die Zentralablage abzulegen.“ [48]

Acker in der Ried Ortgraben:

Im Dezember 1940 gab es ein Ansuchen um Genehmigung der Erwerbung des Ackers in Oberrabnitz, der im Eigentum der Familie Holzer gewesen war. [49]

In einem Schreiben der Gemeinde Oberrabnitz an den Reichsstatthalter in Niederdonau vom Juli 1941 hieß es:

„Betrifft: Judensache Johanna Holzer, Oberrabnitz

Die oben Genannte [sic] Eigentümerin des Grundstückes […] ist Jüdin und gilt als Jüdin. Die Jüdin ist mit ihrer Familie nach dem Umbruch im März 1938 nach Wien verzogen. Die Jüdin selbst wohnt bis heute in Wien (Adresse unbekannt). Jedoch die anderen Familienangehörigen sollen angeblich ins Ausland nach Argentinien verzogen sein.“ [50]

Im Oktober 1941 forderte der Reichsstatthalter in Niederdonau Johanna Holzer auf, bekanntzugeben, ob sie bereit wäre, ihren „Acker in Ortgraben der Kat. Gem. [Katastralgemeinde] Oberrabnitz innerhalb von 6 Wochen ab Zustellung an einen geeigneten Kaufwerber zu einem angemessenen Preis zu verkaufen. Sollten Sie dieser Aufforderung innerhalb der genannten Frist nicht entsprechen, erfolgt die Einleitung von Zwangsmassnahmen gemäß der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3.12.1938 […].“ [51] Nachdem diese Frist ergebnislos abgelaufen war, wurde für diesen „Judenbesitz“ ein Treuhänder für Verkauf und Abwicklung bestellt.

Auf Grund eines Kaufvertrages und eines rechtskräftigen Bescheides des Reichsstatthalters in Niederdonau wurde im September 1942 vom Amtsgericht Oberpullendorf die „Arisierung“ des Grundstückes durch die Eintragung im Grundbuch vollzogen. [52]

Was geschah mit dem „Judenhaus“

Der Käufer des Gemischtwarenhandels, welcher auch das Gebäude, in welchem sich das Geschäft befand, erwerben hatte wollen, verstarb im Krieg. Das Gebäude verblieb im Eigentum der Familie Holzer – mit kommissarischer Verwaltung. Noch während der Kriegsjahre wurden Umbauarbeiten durchgeführt und eine Gemeindestube und ein Kindergarten eingerichtet. Nach den Kriegsjahren hatte sich dort der ortsansässige Schuster Josef Gludowatz von Haus Nr. 80 mit seiner Werkstatt eingemietet. Im August 1990 wurde das Gebäude versteigert [53] und im Laufe der 1990er Jahre abgerissen.

Abb. 4: Haus Nr. 27 vor Abbruch; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

Was geschah mit der jüdischen Familie Holzer

Johanna Holzer, geboren am 29. Juli 1870, zuletzt wohnhaft gewesen in Wien, wurde im Jahr 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, das sie nicht überlebte. [54] Tochter Margaret starb im Alter von 13 Jahren in Österreich, Paula im Alter von 26 Jahren an einer Halsinfektion. Die Kinder Leo, Eugen und Camila sind in die USA, Regina und Hilda nach Israel ausgewandert. Malvine starb 1943 in einem Konzentrationslager. [55]

Milchsammelstelle

Milchwirtschaft

Die Milch- und Molkereigenossenschaften hatten die Aufgabe, die in den landwirtschaftlichen Betrieben ihrer Mitglieder erzeugte Milch in deren Auftrag und auf deren Rechnung zu verarbeiten und zu verwerten.

Die Milchgenossenschaften beschränkten ihre Tätigkeit auf das Sammeln, Reinigen und Kühlen der Milch sowie auf deren anschließende Weiterlieferung an die Molkereien.

Die Molkereigenossenschaften hingegen verfügten über die maschinellen Einrichtungen zur Verarbeitung jener Milch, die nicht als Frischmilch auf den Markt gelangte. Daraus erzeugten sie hochwertige Qualitätsprodukte wie Butter, Käse und Rahm. [56]

1927 wurde im Bezirk Oberpullendorf aus der bereits bestehenden Molkereigenossenschaft die Molkerei Horitschon gegründet; kurz darauf begann der Bau der Molkereianlage.

In den Jahren 1938/39 wurde die Anlage erweitert und ihr Einzugsgebiet auf den gesamten Bezirk ausgedehnt. In ihrer Käseproduktion entwickelte sich die Hausmarke, der bekannte „Jerome“, zu einem großen Erfolg.

Die Gemeinden im Rabnitztal blieben jedoch weiterhin Lieferanten der Molkerei Kirchschlag. [57]

Molkereigenossenschaft Kirchschlag

Gegründet wurde die Genossenschaft „Molkerei Kirchschlag in der Buckligen Welt und Umgebung“ im Jahr 1921. Dem damaligen Obmann Georg Liebentritt aus Aigen bei Kirchschlag gelang es 1927, die Molkereigenossenschaft neu zu formieren und eine Molkerei zu errichten.

Nach einem durch die Kriegsjahre bedingten Neubeginn wurde im Jahr 1948 auch das Einzugsgebiet erweitert. Dieses umfasste neben den Gebieten in Niederösterreich auch Teile der landwirtschaftlichen Bezirksreferate Oberpullendorf und Oberwart im Burgenland sowie kleinere Teile der Bezirksbauernkammer Hartberg in der Steiermark. [58]

Den im Einzugsgebiet der Molkerei gelegenen Milchproduzenten war es untersagt, Milch oder Milchprodukte an andere Abnehmer zu liefern oder zu verkaufen. Ausgenommen davon waren lediglich genehmigte Ab-Hof-Verkäufe. [59]

Abb. 5: 1952 – 25järiges Bestandsjubiläum; Quelle: Molkerei Kirchschlag, Festschrift, 1977

Milchgenossenschaft Oberrabnitz

Die Bauern in Oberrabnitz hielten in erster Linie Kühe in ihren Stallungen. Pferde waren in der Haltung aufwendiger und teurer und kamen daher nur vereinzelt vor.

Die Kühe wurden stets paarweise – zu zweit oder zu viert – gehalten, da sie eben als Zugtiere eingesetzt wurden und obendrein waren sie die guten Milchlieferanten. [60]

Bereits in früheren Zeiten wurde in Oberrabnitz im Rahmen einer Art Milchgenossenschaft Milch gesammelt. Nach welchen Regeln diese geführt wurde, ist leider nicht bekannt.

Die Sammelstelle befand sich während des Zweiten Weltkriegs bei der Familie Puhr auf Haus Nr. 7. Die angelieferte Milch wurde dort abgerahmt, und die verbleibende Magermilch nahmen die Bauern anschließend wieder als Futtermittel für ihre Schweine mit.

Der Rahm wurde von der Molkerei Kirchschlag zur Weiterverarbeitung abgeholt. [61]

Mit 1. Juli 1945 wurde die Sammelstelle in das Bauernhaus von Peter Brandl auf das Haus Nr. 56, verlegt. Dieser stellte dann im Jahr 1950 ein Ansuchen um die Zuweisung eines Platzes für den Bau einer Milchkammer im Pfarrhof, wurde aber dann vom Kirchenrat einstimmig abgewiesen. [62]

Abb. 6: Melken; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

Milchsammelstelle im Feuerwehrhaus

1951 plante die Gemeinde, an der Stelle des alten ungarischen Feuerwehrhauses ein neues Feuerwehrhaus zu errichten. Da dieses Vorhaben nicht verwirklicht werden konnte, strebte die Gemeinde in weiterer Folge den Bau eines Mehrzweckhauses an.

In diesem sollten Feuerwehr, Gemeindeamt und Milchsammelstelle unter einem Dach untergebracht werden. Die Suche nach einem geeigneten Standort gestaltete sich jedoch schwierig und nahm dabei mehr als zehn Jahre in Anspruch.

Schließlich konnte sich der Gemeindevorstand unter Bürgermeister Stefan Hettlinger, Haus Nr. 8, mit dem Landwirt Josef Pfneisl, Haus Nr. 58, darauf einigen, dass dieser von seinem Anwesen, Haus Nr. 2, die für den Bau des Mehrzweckhauses benötigte Fläche an die Gemeinde verkaufte.

Im Jahr 1965 konnte das Gebäude nach feierlicher Einweihung seiner Bestimmung übergeben werden. [63]

Abb. 7: Feuerwehrhaus - unten Milchsammelstelle, oben Gemeindestube; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

Die neue Milchsammelstelle wurde von der Milchstellenbetreuerin beaufsichtigt, die sämtliche Vorgänge in einer Monatsliste verbuchte. Erste Betreuerin war Anna Halling, Haus Nr. 57, die die Sammelstelle bereits vor der Eröffnung des Mehrzweckhauses für einige Zeit in ihrem eigenen Bauernhaus führte. Später wurde Anna Halling von Bertha Liebentritt, Haus Nr. 6, abgelöst, die die Milchsammelstelle bis zu deren Schließung betreute.

Die Sammelstelle war verpflichtet, die von ihr täglich übernommene Milch rechtzeitig und in gekühltem Zustand für die Abholung durch die Molkerei Kirchschlag bereitzustellen. Dabei war die Abendmilch von der Frühmilch getrennt zu halten.

In der warmen Jahreszeit wurde die Milch morgens und abends übernommen. Die Abendmilch musste dabei, soweit möglich, bis zum nächsten Morgen in einem gekühlten Behälter eingestellt werden.

Für die Frühmilch genügte es, wenn sie mit dem in der Sammelstelle installierten Berieselungskühler gekühlt wurde.

In den Wintermonaten von November bis März, in denen die Milch nur morgens übernommen wurde, lagerten die Bauern die Abendmilch zu Hause kühl, meist in einer Kammer, damit sie nicht einfror, und brachten sie am nächsten Morgen gemeinsam mit der Frühmilch zur Sammelstelle.

Die milchliefernden Bauern waren bei der Molkerei registriert und erhielten zur Identifikation eine Kannennummer zugeteilt. Jedes Mitglied hatte dafür Sorge zu tragen, dass die im Umlauf befindlichen Milchkannen die vorgeschriebene Signierung trugen.

Für die tägliche Anlieferung zur Sammelstelle verwendeten die Bauern ausschließlich diese eigens dafür vorgesehenen Kannen, die in der Regel ein Fassungsvermögen von zehn Litern hatten.

Abb. 8: Milchkanne und Sieb; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

In der Reihenfolge ihres Eintreffens an der Sammelstelle wurden die Anlieferer von der Stellenleiterin anhand ihrer Kannennummer erfasst und mussten ihre Milch zunächst in eine Messkanne gießen, um die angelieferte Menge festzustellen.

Anschließend wurde die Milch in den Berieselungskühler entleert und gelangte von dort in eigene, für den Transport zur Molkerei vorgesehene Kannen. Diese standen im Eigentum der Molkerei Kirchschlag und waren für jede Ortschaft mit einer vierstelligen Zahl gekennzeichnet.

Der Berieselungskühler war ein senkrecht auf einem Fußgestell stehender Metallkühler mit gewellter Oberfläche. Die Milch wurde in einen am oberen Ende über die gesamte Breite angebrachten Trichter eingefüllt und rieselte anschließend langsam in dünner Schicht über die gewellte Oberfläche nach unten in eine Auffangrinne.

Der Kühleffekt wurde durch das den Kühler durchströmende Leitungswasser erzielt. Durch die Veränderung der Fließgeschwindigkeit der Medien konnte die Temperatur der Milch beeinflusst werden.

Die Auffangrinne war mit einer Ablassvorrichtung versehen.

Abb. 9: Symbolfoto – Berieselungskühler; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

Die Abholung der Transportkannen erfolgte durch die Molkerei mittels LKW. Dabei wurden die Kannen über die eigens dafür vorgesehene Rampe bei der Sammelstelle auf den LKW verladen.

Bei der Ankunft in der Molkerei wurde zunächst der Säuregehalt der Milch in den einzelnen Kannen gemessen. In besonders heißen Sommertagen kam es mitunter vor, dass die Temperatur der Milch in der einen oder anderen Kanne nicht den Vorgaben entsprach. In diesem Fall wurde die betreffende Kanne an die Sammelstelle ihres Ursprungs zurückgeschickt.

Da nicht festgestellt werden konnte, ob die beanstandete Milch von einem oder mehreren Bauern stammte, wurde die zurückgenommene Menge von der Milchstellenbetreuerin auf alle Abgeber des Dorfes aufgeteilt und in der Monatsliste zum Abzug gebracht. Dabei handelte es sich meist um rund einen Liter, gelegentlich auch um eine größere Menge pro Mitglied, was jedoch eher selten vorkam. Diese Milch wurde dann von den Bauern an die Schweine verfüttert.

Für die Molkerei war eine ausgeglichene Milchlieferung seitens der Bauern von großer Bedeutung, um den Markt zuverlässig bedienen zu können. Insbesondere für die burgenländischen Bauern war dies nicht immer einfach einzuhalten. Sie hielten überwiegend Kühe als Zugtiere, da die Haltung eines Pferdes zu kostspielig war. Ein erhöhter Einsatz der Kühe als Zugtiere sowie fallweise witterungsbedingter Futtermangel konnte mitunter zu einer geringeren Milchleistung führen.

Für die Herstellung von einem Kilogramm Käse benötigte die Molkerei je nach Fettgehalt etwa 12 bis 14 Liter Milch, für ein Kilogramm Butter hingegen rund 22 bis 23 Liter.

Butter konnten sich viele Menschen nicht leisten, da sie sehr teuer war. Zudem waren sie an Schweineschmalz gewöhnt, dass sie selbst auf ihrem Hof herstellen konnten.

Den produzierten Überschuss an Butter, den die Molkerei nicht absetzen konnte, bot man den Bauern als sogenanntes Rückgabeprodukt an. Als Gegenleistung wurde ihnen eine entsprechende Menge Milch von ihrer Lieferung in Abzug gebracht. Das veranlasste die Frauen in ihrem Haushalt mehr Butter zum Kochen zu verwenden, und mit der Zeit gewöhnte man sich daran, sodass sie bereits regelmäßig erwartete wurde.

Auch Käse wurde zunehmend als Rückgabeprodukt angenommen und erfreute sich wachsender Beliebtheit.

Die Abrechnung der an die Molkerei abgelieferten Milch erfolgte monatlich. In der Regel wurde die Abrechnung eines Monats bis etwa zum 20. des Folgemonats fertiggestellt.

Die Mitglieder erhielten seitens der Molkerei zu ihrer Kannennummer einen sogenannten Milchstreifen ausgehändigt, auf dem die genaue Verrechnung ersichtlich war. [64]

Waagehaus

Rinderzucht

In der Zeit, als unser Dorf noch zum westungarischen Raum zählte, spielte das Fleckvieh in der Rinderzucht bereits eine große Rolle. Die damals am weitesten verbreitete Rasse war das westschweizerische Rindvieh, das sogenannte „Simmentaler Fleckvieh“

Fürst Esterházy richtete in mehreren Meierhöfen seiner vielen Herrschaften Schweizereien ein, die neben der Schafzucht eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung erlangten. Meist wurden dort bis zu 40 Rinder gehalten, vor allem Melkkühe, die ein Käsemacher in Pacht hatte und dafür Pacht zahlte.

Nikolaus II. Esterhazy, der von 1765 bis 1833 lebte, war nicht nur ein großer Kunstliebhaber, sondern interessierte sich ebenso für neue Rinderrassen. Auf einer längeren Reise im Jahr 1818 schloss er während eines Aufenthaltes am Genfersee mit einem Viehhändler einen Vertrag über den Ankauf von 25 Kühen und einen Stier ab. Nach einer über 40tägigen Reise wurden die Tiere im November 1818 in der Herrschaft Eisenstadt übernommen. [65]

Das burgenländische Fleckvieh entwickelte sich aus den ursprünglich in der Region gehaltenen einfachen Landrassen. Diese wurden durch die Kreuzung mit Simmentaler Rindern sowie deren ungarischen Nachzuchten gezielt verbessert. Burgenländische Züchter kauften dafür unter anderem mehrfach preisgekrönte Stiere auf der Budapester Messe. Auf diese Weise entwickelte sich das Burgenland nach und nach zu einem einheitlichen Zuchtgebiet für Fleckvieh.

Besonders auf kleinen Bauerhöfen, wie es sie in unserem Dorf gab, war diese Rasse aufgrund ihrer Vielfältigkeit von größter Bedeutung. Sie eignete sich sehr gut als Zugtier, ließ sich gut mästen und konnte obendrein auch noch eine gute Milchleistung mit hohem Fettgehalt erbringen – 3,2% bis 5,2% je nachdem wie stark sie dem Arbeitseinsatz ausgesetzt war. [66]

Eine Besonderheit gab im März 1950 bei Theresia Morth Haus Nr. 52, wie die Presse berichtete:

„In der burgenländischen Ortschaft Oberrabnitz fand kürzlich ein bemerkenswertes Ereignis statt, das in Hinblick auf seine Seltenheit wert ist, festgehalten zu werden. Im Stall der verwitweten Landwirtin Morth brachte eine Kuh bei einem Wurf drei Stierkälber zur Welt, die sich – um die Worte des zuständigen Tierarztes Zach zu gebrauchen – der besten Gesundheit erfreuen und sich weder in der Größe noch im Gewicht von Einzelwürfen wesentlich unterscheiden. Drillingswürfe von Kühen sind, wie wir erfahren, eine solche Seltenheit, dass in Europa bisher auf noch keinen Fall hingewiesen werden kann; sie gelten als ebenso selten wie die Vierlingsgeburten beim Menschen.“ [67]

Abb. 10: Drillinge im Stall bei Theresia Morth; Quelle: Privatbesitz von Familie Josef Liebentritt, Oberrabnitz

Viehhandel

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach dem Ende der Untertänigkeit, gerieten die Bauern mit ihrer Landwirtschaft immer mehr unter Druck. Zusätzlich zu dem notwendigsten, was sie für ihr Überleben aus Grund und Boden holten, waren sie nun gezwungen nach Einnahmequellen zu suchen, mit denen sie ihren Betreib auch weiterentwickeln konnten.

Eine der wichtigsten Quellen, wenn nicht überhaupt die wichtigste, war der Viehhandel. Und dieser auch nur, wenn er über die Dorfgrenze hinaus funktionierte. In Zeiten wo man aber alles zu Fuß erledigen musste, gestaltete sich dies oft schwierig, da man mitunter mehrere Tage dafür aufbringen musste. Aber wie man so schön sagt „Für alles gibt’s Leut“, war es auch hier so. Der eine oder andere Mann im Dorf, der zu Hause bei der Arbeit nicht unbedingt gebraucht wurde, versuchte es als Vermittler, sich sein tägliches Brot etwas aufzubessern. Er nahm Angebot und Nachfrage von den Bauern in seinem Dorf entgegen und machte sich dann tagelang auf die Reise um passende Käufer und Verkäufer in der Fremde ausfindig zu machen. [68]

Auch noch nach dem zweiten Weltkrieg gab es im Dorf Leute, die sich um dieses Geschäft annahmen. Dazu zählten –  „da Schlenzn Ähl“, „da Hoschopf“ und „da klua Muispa“. „Da Schlenzn Ähl“ ist meistens durch den Wald nach Pilgersdorf marschiert, dort hatte er einen Verwandten von die Kogler, einen Briefträger getroffen und der konnte ihm auf Grund seiner Tätigkeit immer gute Auskunft geben. In „Schlenzn Ähl“ seine Kunden im Dorf waren Bauern, die sonst nirgends wo hinkamen oder Frauen, deren Männer im Krieg waren oder gefallen sind. War dann die passende Kuh gefunden, musste man diese dann heimtreiben, was mitunter noch sehr herausfordernd sein konnte.

In den Aufbaujahren nach dem Krieg nahm auch der Viehhandel stetig zu. Mit dem Verkauf einer Kuh ging auch die Technisierung der Landwirtschaft einen Schritt voran. Bei den Dorfgesprächen hörte man immer wieder… „dou muiß i a Kui hergeim“

Der Viehhandel wurde einerseits erleichtert, da sich immer mehr Händler motorisierten, andererseits aber wurden die Bauern immer misstrauischer was das Schätzen des Viehs anbelangte. Obwohl man an dem Käufer bzw. Verkäufer seiner fachlichen Expertise nicht zweifelte, fühlte man sich doch immer wieder „über den Tisch gezogen“ und man wollte sich damit einfach nicht mehr zufrieden geben. Hatte man bei den Schweinen schon lägst eine Gemeindeeigene Kugelwaage im Einsatz, so wurden hier der Ruf, einer Waage für das Rind, immer lauter. [69]

Waage

Über die Anschaffung einer geeigneten Waage wurden im Dorf heftige Debatten geführt. War es auf der einen Seite das Für und Wider der Notwendigkeit, so war es auf der anderen Seite der geeignete Platz. Mehrere Gemeinderatssitzungen hat es letztendlich gebraucht bis man sich für die Anschaffung einer Waage und einen dafür geeigneten Platz entschieden hatte.

Im unteren Ort, am Ende der rechten Häuserzeile wurde schlussendlich ein Waagehaus aus Holz gebaut und eine Brückenwaage für Rinder installiert. Gegenüber auf der anderen Straßenseite vom Waagehaus wurde noch eine Laderampe für den Viehtransporter, also zum Auf- und Abladen der Rinder gebaut. Der alte Puhr Haus Nr. 7 und Franz Kogler Haus Nr. 73 übernahmen das Amt des Wiegemeister. Alles in allem war es schon ein wesentlicher Fortschritt. [70]

Kühlhaus

In den 1960er-Jahren, zu einer Zeit, als die Anschaffung eigener Tiefkühltruhen für viele Haushalte noch zu teuer war, entstanden in zahlreichen burgenländischen Gemeinden sogenannte Kühlhäuser. Neben den einzelnen Kühlzellen war vor allem der integrierte Vorkühlraum von Bedeutung, der sich bei Hausschlachtungen als besonders vorteilhaft erwies. Um solche Anlagen errichten und betreiben zu können, schlossen sich in den jeweiligen Dörfern interessierte Bauern zu Tiefkühlgemeinschaften zusammen.

Auch in Oberrabnitz wurde eine solche Tiefkühlgemeinschaft gegründet. Obwohl man sich über die Notwendigkeit dieser Gemeinschaftsanlage weitgehend einig war, gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Bauplatz doch etwas schwierig. Über die Standortfrage wurden mitunter hitzige Debatten geführt. Wie es bei gemeinschaftlich geplanten Vorhaben immer wieder vorkam, zeigten gerade jene, die das Projekt vorantrieben, bei der Wahl des Standortes nicht immer die größte Kompromissbereitschaft.

Letztendlich war es der Obmann der Tiefkühlgemeinschaft, der die Initiative ergriff und auf seinem eigenen Grund den benötigten Platz für die Errichtung des Kühlhauses zur Verfügung stellte. Das Kühlhaus wurde weitgehend in Eigenregie von den Mitgliedern gemeinsam mit den ortsansässigen Handwerkern errichtet.

Das Kühlhaus verfügte über 26 Kühlzellen, einen Vorkühlraum und einen eigenen Arbeitsplatz „Prackstock“ zur Verarbeitung der Ware nach einer Hausschlachtung. Für die Kühlzellen stand ein eigenes Kühlaggregat zur Verfügung, ebenso für den Vorkühlraum.

Die einzelnen Kühlzellen waren über nach oben aufklappbare Deckel zugänglich und konnten mit einem Vorhangschloss versperrt werden. Eine mittige Teilung der Kühlzelle ermöglichte es auch, dass diese von zwei Mitgliedern gemeinsam genutzt werden konnte.

Der Vorkühlraum, der hauptsächlich bei einer Hausschlachtung genutzt wurde, stand allen Mitgliedern der Gemeinschaft zur Verfügung, seine Nutzung musste daher zeitlich untereinander abgestimmt werden. In Ausnahmefällen konnten auch bis zu drei Parteien den Raum gleichzeitig benützen, sofern dies zuvor miteinander vereinbart worden war. Die Kühlung musste rechtzeitig vor der Schlachtung eingeschaltet werden, damit der Raum die erforderliche Temperatur erreichte.

Nach der Hausschlachtung wurde das zunächst grob zerteilte Schwein mit einer Schiebetruhe zum Kühlhaus gebracht und konnte dort im Vorkühlraum auf eigene dafür an den Wänden angebrachten Fleischhaken aufbewahrt werden. Die Aufarbeitung des Schlachtgutes musste an den darauffolgenden Tagen erfolgen, damit der Vorkühlraum möglichst bald wieder für andere Mitglieder zur Verfügung stand.

Der Vorkühlraum selbst war absperrbar. Der Schlüssel dafür sowie jener für das Kühlhaus waren im gegenüberliegenden Bauernhaus, Haus Nr. 29, hinterlegt.

Abb. 11: Kühlhaus, Innenausstattung = Symbolfoto; Quelle: PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien

Wie in vielen anderen Bereichen führte auch hier die fortschreitende Modernisierung der Haushalte zu einem Wandel. Mit der zunehmenden Verbreitung eigener Tiefkühltruhen und Kühlschränke verlor die einst als sehr fortschrittlich geschätzte Gemeinschaftsanlage allmählich an Bedeutung. Zunächst wurden die einzelnen Kühlzellen stillgelegt. Auf die Vorzüge des Vorkühlraumes bei Hausschlachtungen wollte man jedoch noch längere Zeit nicht verzichten. Später wurde dieser Raum dann auch zur Kühlung und Lagerung von Getränken und Speisen für verschiedene Veranstaltungen genutzt. [71]

Anmerkungen

[1] EPA, DD, 1801, 1925
[2] Vgl. ebd.
[3] Vgl. ebd.
[4] Vgl. ebd.
[5] EPA, DD, 1802, 1468
[6] Vgl. ebd.
[7] EPA, Prot. 6864
[8] EPA, CD, 1801
[9] EPA, DD, 1808, 767
[10] Vgl. ebd. 1818
[11] Vgl. ebd.
[12] Vgl. ebd. 1830
[13] Vgl. ebd, 1841
[14] Vgl. ebd.
[15] Vgl. ebd.
[16] Vgl. ebd.
[17] Vgl. ebd. 1842
[18] Vgl. ebd. 1857
[19] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[20] EPA, Prot. 767; Auswertung der Gabenscheine im Esterházy Archiv Forchtenstein,
[21] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[22] PA Fraller, Oberrabnitz, Schularchivalien
[23] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[24] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[25] Auswertung der Bücher: Pfarre Oberrabnitz, Pfarrmatriken 1772-1920; BLA, Grundbuch I (1856-1957
[26] Geb.-Matriken 9 Kinder
[27] Abbildung des Grabsteines und und der Inschrift inklusive Transkription siehe https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/holzer-salomon-02-oktober-1934/ [15.09.2026]
[28] Nachlass Wiesinger, Pilgersdorf, Wiesinger, Josef: Ein Dorfschullehrer erzählt aus seinem Leben, Pilgersdorf 1992, S. 42–49.
[29] Nachlass Wiesinger, Pilgersdorf, Wiesinger, Josef: Ein Dorfschullehrer erzählt aus seinem Leben, Pilgersdorf 1992, S. 42.
[30] Burgenländisches Landesarchiv (BLA), Arisierungsakte (Aris.) Faszikel (F) 19, 2655 Holzer Johanna Oberrabnitz, fol. 5, Verzeichnis über das Vermögen von Juden.
[31] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, Lebenslauf von A.L.
[32] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 6, Ansuchen um Genehmigung der Erwerbung, 20.7.1938.
[33] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 10 und 12, Gutachten, 25.10.1938.
[34] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 11, Sitzungsprotokoll, 3.10.1938.
[35] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 13, Ansuchen um Genehmigung der Veräußerung.
[36] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 24, Ansuchen um Genehmigung der Erwerbung, 6.10.1938.
[37] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 40, Prüfungsbericht, 30.10.1939, S. 2.
[38] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 40, Prüfungsbericht, 30.10.1939, S. 2.
[39] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 39, Prüfungsbericht, 30.10.1939, S. 3.
[40] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 39, Prüfungsbericht, 30.10.1939, S. 3.
[41] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 39, Prüfungsbericht, 30.10.1939, S. 3.
[42] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 39–41, Prüfungsbericht, 30.10.1939.
[43] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 46, Kreisleitung an Oberpullendorf an [Vermögensverkehrsstelle], 10.1.1939; ebda., fol. 47, Kreisleitung Oberpullendorf an Vermögensverkehrsstelle, 10.1.1939
[44] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 48, Bestätigung der Kaufmannschaft Niederdonau / Gremium Mattersburg, 10.1.1939.
[45] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 45, Bestätigung des Erhalts der „Übernahme“-Genehmigung, 30.12.1938.
[46] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 49, Gedächtnisprotokoll, 13.1.1939.
[47] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 55, Reichsstatthalter an A.L., 27.5.1940.
[48] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, ohne fol., Aktenvermerk, 31.3.1941.
[49] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, ohne fol., Ansuchen der Genehmigung der Erwerbung, 3.12.1940.
[50] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 14, Gemeinde Oberrabnitz an Reichsstatthalter, 23.7.1941.
[51] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, ohne fol., Oberste Siedlungsbehörde an Johanna Holzer, 3.10.1941.
[52] BLA, Aris. F19, 2655 Holzer Johanna, fol. 55, Beschluss, Amtsgericht Oberpullendorf, 4.9.1942.
[53] Grundbuch, Verzeichnis der gelöschten Eintragungen, BG 330 Oberpullendorf, KG 33044 Oberrabnitz, EZ 53.
[54] Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Shoah-Opfer-Datenbank, Eintrag zu Johanna Holzer geb. 29.7.1870.
[55] Diese Informationen wurden dem Autor durch Nachkommen der Familie Holzer übermittelt.
[56] Burgenländische Landwirtschaftskammer (Hrsg.): Das Buch des Burgenländischen Bauern. Eisenstadt: Selbstverlag der Burgenländischen Landwirtschaftskammer, 1954.
[57] Burgenländische Landwirtschaftskammer (Hrsg.): Das Buch des Burgenländischen Bauern. Eisenstadt: Selbstverlag der Burgenländischen Landwirtschaftskammer, 1954.
[58] Molkerei Kirchschlag, Festschrift,1977
[59] Molkerei Kirchschlag, Geschäftsordnung, 1960
[60] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[60] PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien
[61] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[62] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[63] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien
[64] PA Fraller, Oberrabnitz, Gemeindearchivalien (Notiz von Gottfried Kogler)
[65] Gumprecht, Hans: Protokoll eines Viehgeschäftes. Wie Westschweizer Rindvieh im Jahre 1818 eine neue Heimat in Eisenstadt (damals Ungarn) fand, In: Burgenländische Heimatblätter, Jg. 71, Heft 4, 2009, S. 194.
[66] Burgenländische Landwirtschaftskammer (Hrsg.): Das Buch des Burgenländischen Bauern. Eisenstadt: Selbstverlag der Burgenländischen Landwirtschaftskammer, 1954.
[67] Privatbesitz von Familie Josef Liebentritt
[68] PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien (Notiz von Gottfried Kogler)
[68] PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien (Notiz von Gottfried Kogler)
[70] PA Fraller, Oberrabnitz, Privatarchivalien (Notiz von Gottfried Kogler)

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